Acht Brokatstücke,
oder wie man sich dehnt
ohne zu forcieren
Eine Dehnübungsfolge, die mehr als acht Jahrhunderte alt ist, ein Koch aus einem über zweitausend Jahre alten Text und eine sehr aktuelle Frage: wie man den Körper bewegt, ohne daraus eine weitere Pflichtaufgabe zu machen.
Manche Dehnübungen macht man gegen die Uhr: drei Minuten vor dem Verlassen der Wohnung, ein Bein auf einem Stuhl, die Augen auf dem Handy. Es gibt aber eine andere, ältere Art sich zu dehnen, die damit beginnt, die Eile abzulegen.
Acht Jahrhunderte Brokat
Das Baduanjin (八段錦), die «acht Brokatstücke», ist eine Folge von acht Bewegungen, die im Stehen ausgeführt werden, mit langsamer Atmung und der Aufmerksamkeit auf den Körper gerichtet. Die frühesten schriftlichen Erwähnungen finden sich in Texten aus der Song-Dynastie, etwa im 12. Jahrhundert. Der Name spielt auf Seide an, die mit farbigen Fäden gewebt wird: Die Bewegungen sollen dem Körper eine fließende, gleichmäßige Qualität verleihen, wie die dieses Stoffes.
Der Legende nach geht es auf den General Yue Fei zurück, der es seinen Soldaten beigebracht haben soll. Der Historiker Meir Shahar, Spezialist für Shaolin und die chinesischen Kampfkünste, hält diese Zuschreibung für wahrscheinlich das Ergebnis eines Handbuchs aus dem Jahr 1624, in dem Yue als Meister einer Überlieferungslinie genannt wird, nicht für einen Beleg, dass er es erfunden hätte. Gesicherter ist Folgendes: eine Praxis der Gesundheit, keine des Kampfes, überliefert durch viele Schulen und heute in Parks, Krankenhäusern und Wohnzimmern gelehrt.
wu wei
无为 · handeln, ohne zu forcieren
Dehnen wie jemand, der der Lücke folgt
Das dritte Kapitel des Zhuangzi, eines grundlegenden daoistischen Textes, trägt den Titel «Yang sheng zhu», meist übersetzt als das Wesentliche zur Pflege des Lebens. Darin findet sich die Geschichte des Kochs Ding, der einen Ochsen mit einer Leichtigkeit zerlegt, die seinen Herrn erstaunt. Sein Messer, erklärt er, ist seit neunzehn Jahren in Gebrauch und noch so scharf wie neu, weil es nie gegen den Knochen schneidet. Es sucht die Zwischenräume zwischen den Gelenken und gleitet hindurch. Trifft es auf einen Widerstand, wird es langsamer, beobachtet und setzt noch weniger Kraft ein.
Das ist der Sinn von wu wei, manchmal fälschlich als Passivität übersetzt. Es beschreibt ein Handeln, das sich der Form der Dinge anpasst und deshalb wenig verbraucht. Auf eine Dehnung angewendet, verändert das die Bewegung von Grund auf: Statt den Muskel durch Ziehen zu bezwingen, sucht man den Punkt, an dem das Gelenk von selbst nachgibt, und wartet dort. Die Verbindung zum Slow Living ist direkt, wenn auch begrifflich und nicht historisch (Baduanjin und Zhuangzi stammen nicht aus derselben Feder). Beide Ideen misstrauen dem, was durch Drücken erreicht wird.
Ein Körper dehnt sich nicht weiter, nur weil man fester zieht.
Die Übung braucht kaum mehr als festen Boden und rund zwei Quadratmeter Platz.
Was man weiß, und was man noch nicht weiß
Eine 2023 in BMC Complementary Medicine and Therapies veröffentlichte systematische Übersichtsarbeit von Huiying Lin und Kolleginnen wertete vierzehn randomisierte Studien mit Menschen mittleren und höheren Alters aus. Sie kam zu dem Schluss, dass Baduanjin die Griffkraft und mehrere Gleichgewichtstests verbesserte. Eine weitere Übersichtsarbeit, die sich auf muskuloskelettale Schmerzen und Schlafqualität bei Menschen mit chronischen Erkrankungen konzentrierte, untersuchte ähnliche Effekte in diesen beiden Bereichen.
Man sollte das mit Vorsicht lesen. Die Autorinnen der ersten Übersichtsarbeit selbst wiesen auf den Mangel an hochwertiger Evidenz hin, und viele der Studien sind klein und wurden in China mit spezifischen Bevölkerungsgruppen durchgeführt. Die vernünftige Lesart ist die einer risikoarmen Praxis mit vielversprechenden Ergebnissen. Sie ist keine Therapie.
Notiz
Zwölf Minuten, ungefähr. Ohne Musik. Mit einem angekippten Fenster, wenn das Wetter es zulässt, denn die Luft von draußen verändert die Art zu atmen.
Zwölf Minuten, acht Bewegungen
Bevor es losgeht
Ebener, fester Boden, Kleidung, die nicht einengt, barfuß oder mit rutschfesten Socken. Rund zwei Quadratmeter freier Raum.
Atmung durch die Nase, lang und tief, in Richtung Bauch. Knie stets leicht gebeugt. Sechs Wiederholungen pro Bewegung, sofern nicht anders angegeben.
Jede Schule passt Details an, und die Zahl der Wiederholungen variiert. Was folgt, ist eine einfache Version für zu Hause. Ein leichtes Ziehen beim Dehnen ist normal. Schmerz ist ein Signal, innezuhalten. Wer eine Rückenverletzung, Blutdruckprobleme oder Schwindel hat oder schwanger ist, sollte vorher mit einer Fachperson für Gesundheit sprechen, besonders wegen der Bewegungen 5 und 6.
Vorbereitung
Im Stehen, Füße hüftbreit, Knie locker, Arme hängend. Der Scheitel zeigt zur Decke, die Schultern sinken. So atmet man eine Minute lang, ohne etwas zu korrigieren, bis der Körper aufhört, dem Kopf vorauszueilen.
Bewegung 01 · 两手托天理三焦
Den Himmel mit beiden Händen stützen
Die Hände sind vor dem Bauch verschränkt, Handflächen nach oben. Beim Einatmen steigen sie vor dem Körper auf und drehen sich, am Gesicht vorbei, zur Decke, bis die gestreckten Arme nach oben drücken. Beim Ausatmen sinken sie geöffnet an den Seiten wieder herab.
Dehnt: Flanken, Schultern, Wirbelsäule
Bewegung 02 · 左右开弓似射雕
Den Bogen zu beiden Seiten spannen
Ein weiter Schritt zur Seite, die Knie gebeugt, wie auf einem niedrigen Hocker sitzend. Die Arme sind vor der Brust gekreuzt. Ein Arm streckt sich zur Seite, Zeigefinger nach oben, Daumen geöffnet; der andere zieht sich mit dem Ellbogen nach hinten zurück, als spanne er die Sehne. Der Blick folgt der zeigenden Hand. Dreimal pro Seite.
Dehnt: Brust, Schultern, Unterarme
Bewegung 03 · 调理脾胃须单举
Einen Arm heben
Eine Handfläche steigt mit den Fingern zur Gegenseite, während die andere mit der Handfläche zum Boden sinkt. Jede Hand drückt gegen eine unsichtbare Ebene in entgegengesetzter Richtung. Die Flanke verlängert sich, der Bauch öffnet sich. Der Seitenwechsel erfolgt beim Einatmen.
Dehnt: Flanken, Bauch, Schultern
Bewegung 04 · 五劳七伤往后瞧
Nach hinten schauen
Die Arme sind gestreckt und leicht vom Körper entfernt, Handflächen nach außen. Bei ruhigem Rumpf dreht sich der Kopf langsam, um über eine Schulter zu blicken, und kehrt zur Mitte zurück, bevor er zur anderen Seite geht. Die Drehung geht so weit, wie sie geht, ohne gedrückt zu werden.
Dehnt: Nacken, Brust, Innenseite der Arme
Bewegung 05 · 摇头摆尾去心火
Kopf und Schwanz schwingen
Weite Standposition, Knie gebeugt, Hände auf den Oberschenkeln. Der Rumpf neigt sich zu einer Seite und beschreibt einen weiten, langsamen Kreis; Kopf und Becken bewegen sich in entgegengesetzte Richtungen. Der Nacken folgt ohne Spannung. Es ist die rundeste Bewegung der Reihe und die, die Langsamkeit am meisten dankt. Sechs Kreise, die Richtung abwechselnd.
Dehnt: Hüften, unteren Rücken, Innenseite der Oberschenkel
Bewegung 06 · 两手攀足固肾腰
Die Füße mit den Händen fassen
Die Handflächen gleiten von der Taille über den Rücken, das Gesäß und die Rückseite der Beine so weit, wie sie reichen, die Knie bleiben weich. Dann faltet sich der Rumpf nach vorn, die Arme hängen, und man richtet sich auf, indem man die Wirbelsäule Wirbel für Wirbel abrollt. Bei empfindlichem Rücken sollte man die Beugung verringern oder diese Bewegung auslassen.
Dehnt: Beinrückseite, unteren Rücken
Bewegung 07 · 攥拳怒目增气力
Die Fäuste ballen mit festem Blick
Weite Standposition, Fäuste auf Taillenhöhe. Eine Faust bewegt sich langsam nach vorn, während der Blick auf einen fernen Punkt gerichtet bleibt. Dann öffnet sich die Hand, dreht sich, schließt sich und kehrt zurück. Man wechselt mit dem anderen Arm. Die Spannung löst sich beim Zurückziehen. Es ist der aktive Atemzug der Sequenz.
Trainiert: Beine, Schultern, Unterarme
Bewegung 08 · 背后七颠百病消
Den Rücken siebenmal schütteln
Füße zusammen oder fast geschlossen. Die Fersen heben sich langsam bis auf die Zehenspitzen, der Kopf wie an einem Faden hängend, und sinken dann mit einem kleinen Aufprall fast bis zum Boden. Siebenmal. Es wirkt wie ein abschließendes Schütteln, das die Wirbelsäule löst.
Löst: Wirbelsäule, Beine
Am Ende legen sich die Hände übereinander auf den Unterbauch, und man atmet eine halbe Minute lang mit geschlossenen Augen. Das ist der Teil, der am häufigsten ausgelassen wird, und derjenige, der aus der Sequenz mehr macht als bloße Gymnastik.
Eine Routine, die sich auf andere stützt
Zwölf Minuten verändern selten allein einen ganzen Tag. Was sie verändern, ist die Reihenfolge, in der alles Übrige geschieht. Eine Studie von Phillippa Lally und ihrem Team am University College London, veröffentlicht 2010, begleitete zwölf Wochen lang 96 Menschen, die ein neues Verhalten einführen wollten. Sie schätzte, wie lange es dauerte, bis es automatisch wurde.
Tage im Durchschnitt, bis das Verhalten automatisch wurde
(Lally et al., 2010)
Spanne der Tage zwischen den Personen
(Lally et al., 2010)
Diese Streuung erklärt, warum so viele Routinen um den vierzigsten Tag herum aufgegeben werden: Das Leben kommt dazwischen. Eine Möglichkeit, sie aufrechtzuerhalten, die der Forscher BJ Fogg in Tiny Habits (2019) vertritt, besteht darin, sie an etwas zu koppeln, das bereits geschieht. Nach dem Ausschalten des Weckers. Nach dem ersten Glas Wasser. Vor dem Aufklappen des Laptops. Die acht Bewegungen passen gut in solche Lücken, weil sie weder Material noch Vorbereitung brauchen.
Licht
Die Übung an einem Fenster oder auf einem Balkon zu machen, bringt das natürliche Morgenlicht hinzu, das hilft, die innere Uhr zu stellen.
Wasser
Ein Glas vor oder nach der Sequenz, das Handy beiseitegelegt. Zwei kleine Gesten, die sich gegenseitig stärken, weil sie sich dieselbe Ecke des Tages teilen.
Spaziergang
Die WHO empfiehlt Erwachsenen zwischen 150 und 300 Minuten moderate aerobe Aktivität pro Woche. Die Sequenz ersetzt das nicht, aber ein anschließender Spaziergang ergänzt sie.
Abend
Die ersten vier Bewegungen vor dem Schlafen zu wiederholen. Die Schlafstudien wurden vor allem mit Menschen mit chronischen Erkrankungen durchgeführt, es ist also eher eine Einladung zum Ausprobieren als ein Versprechen.
Was verändert sich an einem Tag, der mit zwölf Minuten ganz ohne Eile beginnt?
Was sich belegen lässt, ist bescheiden: Die verfügbare Evidenz deutet auf Verbesserungen von Gleichgewicht und Kraft bei Menschen mittleren und höheren Alters hin. Der Rest gehört zur Erfahrung jedes Einzelnen. Meist wird er als etwas Kumulatives und Unauffälliges beschrieben, weniger Steifheit beim Aufstehen, etwas tiefer hängende Schultern vor dem Bildschirm, ein sanfterer Übergang zwischen Schlaf und Terminplan. Das sind subjektive Eindrücke, und es ist sinnvoll, sie auch so darzustellen.
Eine kleine Gewohnheit, wiederholt und auf andere gestützt, funktioniert wie das Messer des Kochs Ding: Sie hält, weil sie nicht kämpft. Die acht Bewegungen können an einem Tag misslingen, an einem anderen ausgelassen und an einem hektischen Morgen abgekürzt werden. Beständigkeit misst man in Monaten, und über Monate hinweg wiegen die schiefen Tage wenig.
Sich zu dehnen bedeutet am Ende, den Körper allein dorthin gelangen zu lassen, wohin er ohnehin schon konnte.
Quellen und Literatur
- Shahar, Meir. The Shaolin Monastery: History, Religion, and the Chinese Martial Arts. University of Hawai’i Press, 2008.
- «Baduanjin qigong». Wikipedia. en.wikipedia.org
- Lin, H., Wan, M., Ye, Y., Zheng, G. Effects of Baduanjin exercise on the physical function of middle-aged and elderly people: a systematic review and meta-analysis of randomized controlled trials. BMC Complementary Medicine and Therapies, 2023. pmc.ncbi.nlm.nih.gov
- A Systematic Review and Meta-Analysis of Mindfulness-Based (Baduanjin) Exercise for Alleviating Musculoskeletal Pain and Improving Sleep Quality in People with Chronic Diseases. ncbi.nlm.nih.gov
- Zhuangzi, Kapitel 3, «Nourishing the Lord of Life» (übersetzt von James Legge). Chinese Text Project. ctext.org
- Lally, P., van Jaarsveld, C. H. M., Potts, H. W. W., Wardle, J. «How are habits formed: Modelling habit formation in the real world». European Journal of Social Psychology, 2010. doi.org/10.1002/ejsp.674
- Fogg, B. J. Tiny Habits: The Small Changes That Change Everything. Houghton Mifflin Harcourt, 2019.
- Weltgesundheitsorganisation. «Physical activity», Informationsblatt. who.int